23. Juli 2010
Interview Achim Kohlenberger, Thema NGN
Achim Kohlenberger bringt die Inhalte in Ihre Netze. Als Technical Lead ist er bei Xantaro bereits seit 2007 verantwortlich für die Businessline „IP Services“ und Experte für das Thema Implementierung innovativer Produkte in Telekommunikationsnetze.
Schon während seines Studiums der Nachrichtentechnik beschäftigte sich Kohlenberger bei der Deutschen Telekom mit zukunftsweisenden Telekommunikationslösungen. Im Anschluss begann er bei Bosch Telekom/Telenorma (heute Avaya) mit der Entwicklung von Vermittlungssoftware für Telekommunikationsanlagen. Auch die Implementierung der ISDN Standards in Vermittlungssoftware war sein Aufgabenfeld. 1998 wechselte Kohlenberger in die Netzentwicklung der ARCOR GmbH & Co. KG. Zum täglichen Geschäft gehörten hier Auf- und Ausbau des klassischen TDM-Vermittlungsnetzes, IP-Dial-In und VoIP Lösungen sowie Design und Spezifikation heutiger innovativer Netzlösungen und Produkte im Bereich Next Generation Network (NGN) und IP Multimedia Subsystem (IMS). Zahlreiche Produktideen und deren Umsetzungen im Bereich des SIP Protokolls gehen auf Achim Kohlenberger zurück.
Frage: Herr Kohlenberger, was sind aus Ihrer Sicht derzeit die wichtigsten Fragen, wenn es um das Thema NGN geht?
Kohlenberger: Wir verfolgen schon seit langer Zeit die Entwicklungen des derzeit stattfindenden Technologie- und Designwandels von klassischen Sprachnetzen hin zu IMS- (3GPP) und NGN- (ITU-T) basierten Netzstrukturen. Insbesondere im Carrier- und Service Provider Umfeld ist dabei die Frage nach Stabilität, Konformität und der notwendigen Zukunftssicherheit von Bedeutung. Außerdem ist es wichtig, wie IMS und NGN den eigenen Average Return per User (ARPU) beeinflussen können, sowie wer und was die Entwicklung in die richtige Richtung treiben kann. Denn einerseits besteht eine immer größere Nachfrage nach Bandbreite und ein stetiger Druck, Netze weiter auszubauen. Andererseits müssen die Infrastrukturbetreiber der Netze ihre Produktionskosten reduzieren aber gleichzeitig neue Services anbieten, um im Produktmix, wie beispielsweise Triple Play, bei geringer bis großer Kundenzahl gewinnbringend arbeiten zu können.
Frage: Rechnen Sie mit einer fortschreitenden Konsolidierung am Markt?
Kohlenberger: Es gibt die unterschiedlichsten Konsolidierungsbereiche: Netzebene, Dienstebene und auch die Anbieterebene. Unternehmen müssen sich entscheiden, ob sie entweder nur Zugangs und Transportunternehmen sein möchten oder ein breiteres Produktportfolio als Komplettanbieter unterstützen wollen. Ein modernes NGN oder IMS ermöglicht die flexible Einbindung neuer Endkundendienste auf einer homogenen Netzinfrastruktur – mehr als wir es in der Vergangenheit gesehen haben. Wir erkennen also eine Netzkonsolidierung im Bereich der Kommunikation der Netzkomponenten untereinander über das IP-Protokoll. Weiterhin darauf aufsetzend das Session-basierende Protokoll „SIP“ und das „Diameterprotokoll“. Die Protokollstacks finden sich sowohl in Endkunden-Device, Netzelementen als auch in Applikationsserver.
In Dienstebereich ermöglicht ein IMS offene, standardbasierende Schnittstellen und bietet eine Plattform für die schnelle und flexible Einbindung neuer IP-basierter Applikationen. „Sprache“ und „Daten“ als Standarddienste sind dabei in der Regel integraler Bestandteil. Der eigentliche Vorteil ist die Offenheit und die schnelle Einbindung neuer Dienste über das IP-Protokoll. Hier erkennen wir also eine Konsolidierung im Bereich der Schnittstellenprotokolle und der Kommunikation der Systeme und Dienste untereinander.
Interessant ist, Endkundenapplikationen sollen nur bedingt Grenzen gesetzt werden. IMS bietet lediglich eine Adaptionsplattform wie beispielsweise für die Bereitstellung von „Apps“. Die Attraktivität eines Netzes wird heute bestimmt durch seine funktionierenden Applikationen und die vom Endkunden wahrgenommene Qualität. Das beginnt beim Enddevice, wie zum Beispiel das Mobile Device oder Festnetz IAD, bis hin zur Rechnungserstellung für die genutzten Dienste. Entscheidend für den Provider ist immer der zugrundeliegende Businesscase, der in Bezug auf die Produkte der Infrastrukturbetreiber und Diensterbringer sehr unterschiedlich aussehen kann.
Große Netze sind sehr inhomogen und es bleibt weiterhin genügend Platz für Konsolidierungen im Netz- und Applikationsbereich. Im Anbieterbereich wird es zukünftig sicher eine stärkere Trennung von Zugangsnetzbetreibern und Dienstanbietern geben.
Wichtig sind weiterhin die Anzahl der eigenen Kunden, der ARPU und das flexible Umgehen mit physikalischen und logischen Endkundenanschaltungen auf moderner Technik mit innovativen Diensten. Aus meiner Sicht kann es langfristig in großen Netzen nur den IMS-Weg geben, auch wenn die Kosten in einem Parallelbetrieb – alte Technik, neue Technik – erst einmal steigen. Gerade die klassischen Telekommunikationsunternehmen müssen sich jetzt dem „Internetmarkt“ noch mehr öffnen – das kann ja auch eine große Chance sein.
Frage: Welche Folgen hat das für den Endkunden?
Kohlenberger: Die Endkunden profitieren vom Technik- und Technologiewettbewerb im Telekommunikationsmarkt auf verschiedene Weise. Die Endkundenpreise sind sicher in den letzten Jahren gefallen und wir suchen nach Wegen, die Produktionskosten zu senken. Festnetz und Mobilfunk wachsen weiter zusammen; Sprache, Daten, Fernsehen, Video on Demand und interaktive Kommunikationsformen lassen sich mittlerweile über nur eine einzige IP-basierte Infrastruktur abbilden. Das war früher sicher viel inhomogener. Der Endkunde profitiert zum Beispiel davon, alles aus einer Hand zu bekommen und dass ein Interworking zwischen den Diensten möglich wird. Natürlich steigt die Anschlussbandbreite und weiterhin stellen wir immer kürzere Laufzeiten in den Netzen fest, wodurch viele Endanwendungen für den Nutzer auch mehr Spaß bringen – beispielsweise Spiele mit Echtzeitanforderungen oder Filme auf YouTube schauen.
Frage: Also sollten klassische Provider nicht nur einen Zugang zur Verfügung stellen, sondern aktive Dienste und Services für Endkunden anbieten?
Kohlenberger: Wenn Sie langfristig am Markt als Komplettanbieter bleiben wollen, ja. Alle Anbieter müssen ihre Angebote stärker in das Internet einbinden und sich mehr zu den Kunden hinwenden. Das bedingt auch das Einbringen in die Welt des Endkunden beim Thema Smart Home und attraktive Enddevices. Der größte Bandbreitenbedarf entsteht durch Entertainment-Angebote für die Endkonsumenten. Mit Service Delivery Plattformen, wie sie Xantaro anbietet, kann ein Netzanbieter relativ einfach neue Services anbieten.
Frage: Welche Value Add Services halten Sie für ein funktionierendes Business-Modell zwingend erforderlich?
Kohlenberger: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, dass man den richtigen Produktmix zum richtigen Zeitpunkt am Markt hat. Das bezieht sich sowohl auf softwarebasierende Lösungen, als auch sehr auf hardwarenahe Themen, die für den Endkunden attraktiv sein können und einen Mehrwert bieten. Bestes Beispiel ist die Erfolgsstory des IPhones und der Apps. Individuell lassen sich kleine Softwareanwendungen auf das Gerät laden. Grundfunktionen wie Telefonieren, E-Mail, SMS sind mittlerweile „Standard“. Verbunden mit einem Provider-Vertrag ist es ein gutes Geschäftsmodell für TK-Anbieter sowie Hard- und Softwarelieferanten. Lassen Sie es mich so formulieren: Die Schatztruhe ist das IPhone, der Schatz die Apps und der TK-Anbieter liefert das Schiff, um auf die Insel zu kommen, wo der Schatz vergraben ist. Wer ist nicht gerne Schatzsucher?
Trotzdem, der Markt bietet genügend Platz, um mit einem Triple Play Angebot erfolgreich zu sein. Und auch weiterhin Platz für Unternehmen, die sich auf den reinen Access konzentrieren. Inwiefern sich das sogenannte „Open Access Modell“ ohne „Value Add“ in Deutschland mit offenem und nicht per Anschluss definiertem Dienstangebot durchsetzen lässt, bleibt noch abzuwarten.
Frage: Werden sich die Standard- und Protokollfragen mit modernen NGN-Netzwerken für die Industrie ändern?
Kohlenberger: Mit IMS ist für alle IP-basierten Netze diese Frage so gut wie beantwortet. Es vereint ja Verbindungssteuerung, Dienstgüte, Sicherheit sowie die nötige Offenheit der Funktionsblöcke untereinander. Mit dem All-IP-Netzwerk, in dem sämtliche Kommunikation IP-basiert erfolgt, wird sowohl das Mobilfunknetz – insbesondere bei LTE – als auch das Festnetz unterstützt. SIP fungiert dabei als Basisprotokoll.
Frage: Welchen Beitrag können NGN/IMS bei der Protokoll- und Schnittstellenkonsolidierung im Backbone leisten?
Kohlenberger: Der Transport von Echtzeitdaten wie Sprache und Video ist unter der Einhaltung der Trennung von Transport, Netzwerk und Applikation auch für Echtzeitdaten über IP-Netze möglich und geeignet. Dabei leistet SIP sowohl für Server als auch Client die Protokollbasis. Und im Backbone der Provider profitieren die Betreiber von einheitlichen Protokollen.
Die Echtzeitfähigkeit heutiger IP-Netze ermöglicht neben der Realisierung klassischer Dienste wie etwa Telefonie und Videoübertragung auch neue Dienste wie Presence, Web-Kollaboration, userindividuelle Content-Speicherung mit Zugriff von „überall“, Hosted- oder IP-Centrex Lösungen. Hierbei lassen sich zum einen Synergieeffekte nutzen, zum anderen erlaubt die Offenheit der Schnittstellen die notwendige Flexibilität für das schnelle Ergänzen und Wechseln neuer Dienste.
Frage: Wie werden sich die beiden Bereiche Sprache und Video auf die IMS-Strukturen auswirken?
Kohlenberger: Jede Anwendung, die der Endkunde nutzt – in diesem Fall Sprache und Video – findet ihr zu Hause, also ihre Quelle und ihre Senke. Das liegt im IMS Modell für die Dienstwahrnehmung beim Endkunden in Applikationsservern und Endgeräten. Auf dem Weg dorthin werden zahlreiche Komponenten und Funktionen durchlaufen, die wiederum Abfragen und Manipulationen zulassen. Der eigentliche Inhalt wird auf einer Applikationsebene behandelt, der Rest dient dem Transport.
Ein IMS ist sicher nicht immer notwendig um erfolgreich Sprache und Video zu vermarkten. Als Beispiel dienen hier Google und Skype. Beide positionieren sich an den Netzrändern – und das sehr erfolgreich. IMS ist also derzeit eher ein Transport Thema für Sprache und Daten. Gerade für kleinere Netzbetreiber lohnt es sich oft nicht, die doch recht komplexen Strukturen aus einem IMS komplett abzubilden. Da reichen oft sehr spezifisch auf den Dienst zugeschnittene Netzkomponenten. Der Name sagt es schon: es sind sogenannte „Service Delivery Plattformen“, die sich natürlich auch in ein IMS einbinden.
Frage: Was sind aus technischer Sicht die dringendsten Fragen, wenn wir von IMS sprechen?
Kohlenberger: Wie viel IMS braucht man, um erfolgreich sein Businessmodell abbilden zu können? IMS ist sicher zukunftsweisend; viele Entwickler arbeiten daran; die Spezifikationen in 3GPP und ITU-T schreiten weiter voran. In diesem Zusammenhang bieten sich Chancen für moderne Netzinfrastrukturen – auch im Interconnection-Bereich zwischen den Providern.
Die dringendste Frage, auf die das IMS Antwort gibt, sehe ich im Zusammenspiel zwischen Mobilfunk und Festnetz. Wie und wo werden in Zukunft die Teilnehmerdaten verwaltet? Wer hat Zugriff darauf? Daneben ist man gut beraten, wenn die grossen Carrier bestimmte Schnittstellen in Ihren Netzen offen und flexibel gestalten, insbesondere was die Adaptierung von neuen Diensten angeht.
Die kleineren Unternehmen, also die Tier 2 und Tier 3 Carrier, werden sich weniger die IMS Frage stellen. Hier ist der „Service Ready“-Gedanke wichtig, also Plattformen mit denen man in kürzester Zeit sein Produkt abbilden kann. Das bietet eine E2E fertig gelieferte Service Delivery Plattform mit den wichtigsten Diensten für Privat- und Geschäftskunden.
Frage: Wird es in 10 Jahren noch reine Voice-Anbieter geben?
Kohlenberger: Gibt es die heute noch? Es wird Anbieter geben, die einen reinen Voice Dienst, also Basic Call mit zum Beispiel Deutschland-Flat, Auslandstelefonie und Mobilfunk, eventuell Servicerufnummern, anbieten. Ein Anbieter wird sein Produktportfolio aber breiter staffeln. Voice ist eine Anwendung unter mehreren die er im Angebot hat und sowohl seinen eigenen Endkunden anbietet, als auch im B2B (Business to Business) Bereich anderen Anbietern weiterverkauft.
Frage: Welche drei wichtigsten To-Dos müssen Provider und Telekommunikationsanbieter heute auf ihrer Liste haben?
Kohlenberger: Da gibt es eine Menge Themen. Die Umstellung von TDM-basierten Infrastrukturen auf IP-fähige Systeme ist sicher ein weiterhin prägendes Thema für die Telekommunikationsanbieter. Ein im globalen Wettbewerb stehender Anbieter hat die Chance ein Netz zu bauen, welches IP-basiert über große Entfernungen untereinander Daten austauschen kann. Die Überwindung der Grenzen sollte man sich zu nutzen machen. Das Internet öffnet dabei lokale Grenzen. Beispiele sind Google & Co, Cloud-Services, virtuelle Office/IP-Centrex, SIP-basierte Voice- und Videodienste – also zentral gehostete Dienste, die global genutzt werden können.
Weiterhin muss in den Ausbau der Kapazität der Netze investiert werden. Bandbreitenausbau im Access, Edge und Backbone ist notwendig, um zukünftig mit guter Qualität die Dienste, die vom Endkunden konsumiert werden, zum Beispiel bei Livestreaming oder IP-TV, anbieten zu können. Das gilt gleichermaßen im Festnetzbereich für den Ausbau der „Last Mile“ über beispielsweise VDSL, FTTx und DOCSIS 3.0 (Kabel), als auch im Mobilfunkbereich für das „Mobile Internet“ über den Radio Access mit UMTS und LTE.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, über was der Endkunde die Dienste abrufen kann. Bei mobilen Endgeräten spielt dies eine enorme Rolle. Aber auch im Smart Home Bereich wie der Set-top-Box für IP-TV oder Video on Demand, die Internetfähigkeit und auch zukünftige Offenheit neue Funktionen hinzuzufügen. Denken Sie an die Playstation etc. Solche Produkte können nur erfolgreich sein, wenn Sie von einer breiten Masse intuitiv bedient werden können. Die Zusammenarbeit zwischen Provider und Hard-/Softwarelieferant ist also zunehmend wichtig beim Design und Bau solcher Produktmixe.
Eine Kurzfassung des Interviews finden Sie unter dem Titel "Ein zu Hause für jede Anwendung" auch in der funkschau-Sonderpublikation NGN 2010 (Seite 15) oder online hier.
Weitere Informationen unter www.xantaro.net
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Xantaro ist ein international ausgerichteter Service Integrator für Carrier, Service Provider und Großunternehmen mit Kunden in Europa. Die Mitarbeiter vereinen über 300 Arbeitsjahre Erfahrung auf dem Markt für Telekommunikationsdienstleistungen und haben bereits in zahlreichen Projekten im In- und Ausland ihre Expertise zum Nutzen der Kunden unter Beweis gestellt.
Als Service Integrator bietet Xantaro Lieferung und Integration von Komponenten und Diensten vollkommen unterschiedlicher Netzschichten und Hersteller: vom optischen Transportsystem über IP/MPLS Dienstplattformen, Carrier Ethernet Produkte, Datacenter- und Virtualisierungslösungen, Voice und Video Applikationen bis hin zum kompletten Product Life Cycle Management. Zu den Leistungen zählen unabhängige Beratung bei Investitionsentscheidungen und Auswahl der Systemtechnik, Lieferung und reibungslose Integration der Komponenten und speziell entwickelten Mehrwertdienste in bestehende Netzinfrastrukturen. Außerdem betreibt Xantaro das XT3Lab, welches als Testumgebung für Leistungsvermögen und Interoperabilität zur Verfügung steht. Auch die Schulung der Kunden sowie Wartung und XTAC-Support zur Sicherstellung des zuverlässigen Betriebs und Verfügbarkeit der Infrastrukturen gehören zum Service-Portfolio.
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